Tagesschau auf Tätersuche

Bei einem Terroranschlag auf eine Rabbinerschule in Jerusalem werden acht Menschen ermordet. Während die Palästinenser die Tat ausgelassen feiern, weist die Tagesschau subtil auf die eigentlichen Täter hin.

Vermutlich ein einzelner Attentäter drang am Abend in die Mercaz HaRav ein, ermordete acht Menschen und verwundete mehrere dutzend, bevor er von einem Studenten der Yeshiva erschossen wurde. Im Gazastreifen wiederholten sich im Anschluss jene Szenen, die auch in Folge des suicide-bombings in Dimona einen Monat zuvor zu beobachten waren: Jugendliche tanzten vor Freude auf den Straßen und hupende Autokorsos zeugten vom Jubel der Palästinenser über das Massaker.
Derweil sowohl Hamas als auch Fatah ihre Zufriedenheit über den Massenmord zum Ausdruck brachten und diesen als heroische Tat glorifizierten, scheiterte eine Verurteilung des Terroranschlags durch den UN-Sicherheitsrat am Veto Libyens.

Die Tagesschau, welche ansonsten groß über blutige Wochenenden, die Kämpfe israelischer Soldaten mit militanten Palästinensern und den Dauerbrenner der humanitären Katastrophe im Gazastreifen zu berichten weiß, hält sich mit der Berichterstattung über das Massaker in Jerusalem vornehm zurück, lediglich ein kurzer Beitrag erwähnt das Geschehene. In diesem wird denn auch darauf hingewiesen, daß den “Schülern und Lehrern enge Verbindungen zu den jüdischen Siedlern im Westjordanland nachgesagt” werden.

Das Reizwort Siedler - meist noch mit dem Attribut radikal versehen - genügt, um im Medienkonsumenten sämtliche über die Jahre erworbenen negativen Assoziationen hervorzurufen: Siedler, das sind jene ultraorthodoxen Fanatiker, die als Landräuber den palästinensischen Widerstand erst provozieren, die sich als schießwütige Rassisten gebärden und die aufgrund ihrer puren Existenz das wahre Hindernis für einen Frieden im Nahen Osten darstellen. Daß dieses Bild des Siedlers mit der Realität der israelischen Siedlungsbewegung genauso wenig zu tun hat, wie sämtliche anderen deutschen Projektionen mit der politischen Realität im Nahen Osten, stört dabei keineswegs, erfüllt doch das Bild des finsteren Siedlers, welcher durch seine Halsstarrigkeit den Friedensprozess behindert, genau jenes Bedürfnis vieler Nahostexperten, die schon immer wussten, wo der wahre Schuldige zu finden ist, die aber mittlerweile gelernt haben, daß eine allzu offene Artikulation ihres antizionistischen Ressentiments bisweilen dann doch unverhoffte Reaktionen mit sich bringt. Der Siedler dient inzwischen als Projektionsfläche für jene Vorstellungen, die ansonsten Israel als Ganzes oder die Juden treffen.

Raunt die Tagesschau nun, den Ermordeten würden enge Verbindungen zu jüdischen Siedlern im Westjordanland nachgesagt, so suggeriert sie im Wissen um die bei den Deutschen ohnehin vorhandene Antipathie dem jüdischen Staat gegenüber, daß es sich also durchaus nicht um unschuldige Opfer handele, sondern vielmehr die eigentlichen Aggressoren getroffen wurden.

So identifiziert die größte deutsche Nachrichtensendung das eigentlich Böse und macht aus acht ermordeten Schülern einer Rabbinerschule legitime Ziele einer kriegerischen Auseinandersetzung - auf welcher Seite sich die ARD dabei regelmäßig positioniert, dürfte mittlerweile bekannt sein.

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