„Der Antisemitismus“ schrieb Jean Améry einst, sei „enthalten im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke“.
Wie richtig der Schriftsteller und Überlebende des deutschen Vernichtungswahns mit seiner Kritik des ehrbaren Antisemitismus lag, lässt exemplarisch an einem sich belegen, der als Mediokrist eines Milieus, welches mit den Koordinaten Ströbele, Roth, taz und Süddeutscher Zeitung hinreichend gekennzeichnet ist, auch dann ein vollkommen reines Gewissen hat, wenn der nach Auschwitz auf globaler Ebene reproduzierte Antisemitismus aus jeder Zeile seiner Pamphlete tropft.
Wie stets muss zur Rechtfertigung des antisemitischen Ressentiments das – echte oder vorgebliche – Leid der Palästinenser herhalten, deren islamische Freikorps und judenmordende Werwolfeinheiten allenfalls als etwas überzogen reagierende, aber dennoch für eine gerechte Sache streitende Volkstumskämpfer mit nur schlecht kaschierter Sympathie charakterisiert werden.
So ist Nähers „Gedenken an alle unschuldigen Opfer der israelischen Armee“ zuvörderst auch keine Trauerbekundung für bei einer israelischen Militäroperation versehentlich getroffene Palästinenser, sondern Anklage gegen den jüdischen Staat, weil dieser sich auch militärisch gegen Antisemitismus – welcher in diesem Fall in Form von Qassam-Raketen auf die Stadt Sderot zum Ausdruck kam – zur Wehr setzt.
Das Aufrechnen der Toten – selbst im Falle des Kindermörders Samir Kuntar zitiert Näher zur Relativierung der Verbrechen des PLF-Terroristen erstmal anklagend aus einem Bericht von amnesty international – hat in diesem Sinne die Funktion, die Blutrünstigkeit der Juden zu beweisen; der Unterschied zwischen ermordeten israelischen Bürgern, die als totaler Feind im Sinne Carl Schmitts identifiziert werden und im Zuge von Kampfhandlungen gegen eben diesen Terror getöteten Palästinensern, muss ebenso konsequent verschwiegen werden wie die Tatsache, daß Nähers revolutionäre Subjekte absichtlich hinter der eigenen Zivilbevölkerung sich verschanzen, selten uniformiert vorgehen und auch schon mal aus Schulgebäuden Raketen abfeuern.
Antisemitismus gibt es also in den palästinensischen Autonomiegebieten genausowenig wie bei Politisch Korrekt, weshalb die Ursache für suicide-bombings und Raketenangriffe auf israelische Dörfer anderswo gesucht werden müsse: für „unvorstellbares Elend“ in den Palästinensergebieten sei Israel laut Dietmar Näher verantwortlich, mithin trügen die Juden also auch die Schuld, wenn verzweifelte Palästinenser eben gar nicht anders könnten, als viehische Massaker zu verüben.
Angesichts der in den PA-Gebieten reichlich vorhandenen Sturmgewehre, Bombengürtel und Qassamraketen drängt unwillkürlich die Frage sich auf, ob das „unvorstellbare Elend“ der Palästinenser nicht vor allem in den Köpfen westlicher Israelkritiker sich abspielt. So befand der Weblog Lizas Welt in einem lesenswerten Beitrag vollkommen zurecht, die Mär von der Hungerkatastrophe, welche den Palästinensern beständig drohe, sei Legendenhunger und auch der Bericht aus dem „Ghetto“ Westjordanland des Journalisten Claudio Casula bestätigt nicht direkt den Eindruck, in der Westbank müssten Menschen an Unterernährung sterben.

Die Hamas-Unterstützerin Lauren Booth kurz vorm Hungertod beim Shopping in Gaza, nachdem der an den Segeltörn anschließende Aufenthalt im Gazastreifen verlängert wurde
Die Obsession, mit der politisch korrekte Antizionisten eine humanitäre Katastrophe in den Palästinensergebieten herbeisehnen, schimmert durch, wenn Näher dem Historiker und Islamwissenschaftler Daniel Pipes in den Mund legt, er würde einen „wirtschaftlichen Genozid“ der Palästinenser propagieren – der, das lehre die Geschichte, unweigerlich zur „physischen Ausrottung“ führe.
Daß die Juden die neuen Nazis seien, hingegen die guten Deutschen die „Lehren aus der Geschichte“ gezogen hätten, was sie gerade dazu befähigt, dem Staat der Davongekommenen auf die Finger zu schauen, darf durchaus als Klassiker des Antisemitismus nach 1945 bezeichnet werden, dessen Protagonisten die tatsächliche physische Ausrottung der Juden noch als Argument gegen die Überlebenden und deren Nachkommen einsetzen.
Aber auch Hoffnungsvolles weiß der PK-Nahostexperte zu berichten: so gäbe es „eine große Mehrheit unter den Palästinensern“, die „einfach nur in Frieden leben“ möchte. Weshalb diese große Mehrheit sich bei den Parlamentswahlen 2006 dann ausgerechnet für die Terrororganisation Hamas als politischen Repräsentanten entschieden hat, lässt Näher ebenso unkommentiert wie das doch etwas fragwürdige Fernsehprogramm in der Autonomiebehörde oder die spontanen Jubelfeiern der Palästinenser, bei denen aus Freude über die Ermordung von Juden Süßigkeiten und Blumen verteilt werden und Autokorsos durch die Straßen ziehen.

Palästinensische Friedensaktivisten
Die Äquidistanz, welche Näher bisweilen an den Tag legt, wenn er behauptet, „radikale Zionisten“ seien genauso schlimm wie palästinensische Massenmörder, ist lediglich vorgeschoben: den Terrororganisationen Hamas und Fatah bescheinigt „PK“ eine kluge Verhandlungstaktik und ein realistisches Auge für das politisch Machbare.
So scheint auf palästinensischer Seite alles bereit für den Frieden – lediglich die halsstarrigen Juden weigern sich, wie vom Nahostexperten Näher gefordert, auf Jerusalem zu verzichten. Daß sich dort mit der Westmauer das größte Heiligtum des Judentums befindet und unter israelischem Recht Religionsfreiheit für Angehörige aller drei Weltreligionen garantiert ist, soll dabei nicht ins Gewicht fallen: die Zeit der muslimischen Besatzung al-Quds’ war mit systematischen Diskriminierungen und Schändungen heiliger Stätten doch auch ganz manierlich.
Gegen den Vorwurf, er sei Antisemit, weiß Dietmar Näher sich aber auf vermeintlich sehr originelle Weise abzuschotten: denn Juden, die seine antizionistischen Ressentiments teilen und diesen dadurch den erhofften Koscherstempel aufdrücken, werden von ihm gern zitiert. Zu Nähers Jews on demand gehört neben Alfred Grosser selbstverständlich auch Uri Avnery sowie Gideon Levy, der kürzlich dem quasi-Parteiblatt der rechtsextremen DVU, der National-Zeitung, ein Interview gab, in welchem der linke Journalist Levy gemeinsam mit den Redakteuren der Nazipostille über die israelische „Apartheid“ jammern durfte – Alibijuden sind in Deutschland in allen politischen Lagern wohlgelitten.
Ganz erkenntnisresistent ist Näher dann allerdings doch nicht: nach der Lektüre eines Interviews mit dem israelischen Botschafter Ilan Mor in der WAZ dämmert ihm, daß er wohl doch ein antizionistischer Judenhasser sei. Und damit scheint er auch ganz zufrieden: „Ich für meinen Teil kann damit aber ganz prima leben.“.
Na dann.




Wer ist Abdul Näher ?
Von: Toranaga am 14, August 2009
um 2:03