Es war ein vielsagendes Schauspiel: nachdem auf dem Weblog Lizas Welt die vom Verschwörungsglauben an Hochfinanz und Geldelite geleiteten Umtriebe des Börsianers Michael Mross und seiner Gastschreiber auf dessen Internetportal MMNews durchleuchtet wurden, brach auf der Internetpräsenz des liberal sich dünkenden Magazins eigentümlich frei ein Sturm der Entrüstung los: „Anti-“Faschisten: Menschen in ihrer Existenz vernichten! war das Pamphlet des ef-Schreibers Guido Neumann überschrieben, der sich ausmalte, wie Lizas Welt Michael Mross in den Rücken schießt, den Börsenexperten zum Abschuss freigab, den Häschern des Systems zur Hand geht, um schließlich beim Abtransport der von ihm Denunzierten zuzusehen, ganz wie’s unter Hitler, Mao und Stalin der Fall war.
Der da, von jedem auf die Kritik an MMNews bezugnehmendem Argument befreit, seine Verfolgungs- und Vernichtungsphantasien, garniert mit einer Prise Totalitarismustheorie für ganz Simple feilbot, brauchte nicht lange auf Schützenhilfe warten: dem Ruf nach Outing des feigen faschistoiden Denunzianten folgten im Kommentarbereich von Neumanns Artikel nebst and’ren obskuren Gestalten sowohl der misogyne Islamfreund Arne Hoffmann als auch der professionelle Hamasapologet Serdar Günes, dessen nebenberufliche Agitation gegen Israel ganz trefflich mit seiner hauptberuflichen Lehre von der Religion des Friedens einhergeht, und der zwecks vermeintlicher Enttarnung des anonymen Antisemitismuskritikers auf die Seite eines verhinderten Dortmunder Künstlers verwies, dessen Website in Form und Gestaltung dem hässlichen Inhalt folgt.
Bei dieser Chose konnte selbstredend ein Gesinnungskamerad Arendts und Günes’ nicht hintanstehen, weshalb der Stralsunder Neonazi Axel Möller, Betreiber der rechtsextremen Weltnetzseite Altermedia – auf welcher auch MMNews-Autor Hans-Jörg Müllenmeister mit antiamerikanischen Tiraden sich hervortut – ebenfalls am munteren Treiben gegen Lizas Welt sich beteiligte und recht forsch aussprach, was Günes, Arendt und Neumann noch zu umschreiben gezwungen sind: daß nämlich solche Herrschaften wie der Betreiber des inkriminierten Weblogs besser mit eindeutigen Zuschreibungen gekennzeichnet werden sollten: als nämlich die jüdischen Wiedergängerformen dessen, was man in Julius Streichers STÜRMER, als als [sic!] angeblich gemein und menschenverachtend kritisiert.
Es war tatsächlich der berühmte Stich ins Wespennest, der Gestalten aus recht unterschiedlichen Milieus gemeinsam in Rage versetzte. Sie alle teilen die Wahnvorstellung, daß die Welt von einer Handvoll sinistrer, arbeitsscheuer, unersättlich geldgieriger Gestalten qua Verschwörung zuschanden geritten wird, wie es ganz treffend in der Replik von Lizas Welt auf die Ergüsse der antikapitalistischen Meute heißt.

Hetzschrift gegen die amerikanische Notenbank mit antisemitischen Stereotypen.
Nun ist es allerdings nicht lediglich intellektuelles Unvermögen, die Konkretionssehnsucht wider den abstrakten Tausch am Zinsgeschäft zu exerzieren: zwar scheint den Erben Gottfried Feders der Geldwert im Gegensatz zum in der kapitalistischen Vergesellschaftung zur Ware gewordenen Produkt – der Gebrauchs- und Tauschwert noch „anzusehen“ sind – gänzlich geheimnisvollen Ursprungs zu sein, doch ist diese Erkenntnisabwehr durchaus auch eine Projektionsleistung, nämlich der eigene Wunsch nach mühelosem Wohlstand und „Luxus für’s Nichtstun“.
Bemerkenswert ist, daß Mross, Müllenmeister und deren Entourage nicht die einzigen deutschen Finanzexperten sind, die derlei antikapitalistischem Unfug nachgehen und dort, wo eigentlich die Notwendigkeit der Wertverwertung kapitalistischer Vergesellschaftung zu kritisieren wäre, deren Konsequenzen beklagen und an konkreten Individuen haftbar machen: Stephan Heibel, wie Mross Börsianer, weiß zu berichten, daß die US-Finanzwelt maßgeblich von den Juden bestimmt wird, weswegen vor jüdischen Feiertagen mit Bewegung an der Börse zu rechnen sei, und „Mr. Dax“ Dirk Müller, erklärt dem Fernsehpublikum, daß die derzeitige Finanzkrise von einer – natürlich – in den USA ansässigen Finanz- und Machthydra geplant wurde und enthüllt vor laufender Kamera, daß die amerikanische Notenbank FED eine – horribile dictu – private Institution ist.
Müller kann sich darauf verlassen, daß sein deutsches Publikum versteht und beim Wort privat zusammenzuckt, ist er sich doch mit ihm darin einig, daß Kapitalismus ausschließlich nationalstaatlich und keinesfalls privat organisiert sein darf und also der Staat gefälligst als ideeller Gesamtkapitalist aufzutreten hätte.
Als ideologischer Bundesgenosse des deutschen Krisenlösungsmodells drängt sich da der Islam mit seinem Zinsverbot geradezu auf: Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland und Politiker der FDP, mithin einer Partei, deren Mitgliedern für gewöhnlich eine Affinität zu wirtschaftlichen Belangen nachgesagt wird, erklärt im umjubelten Video, weshalb das islamische Verbot des Zinsnehmens Gier und Wucher vorbeugt und die derzeitige Finanzkrise verhindert hätte, und schließt mit der Aufforderung an seine Zuschauer, etwas von dem, was wir gerade gehört haben, in die Tat umzusetzen.
Von der tatsächlichen Ausführung derartiger Aufrufe zum Handeln, würde Mazyek sich ebenso wie Mross selbstverständlich distanzieren; denn über die Vorgehensweise ihrer Leserschaft geben die Dokumentationen der Anti-Defamation League zur Finanzkrise ebenso Auskunft wie die Aufrufe auf Altermedia, dem vermeintlich enttarnten Denunzianten zu Leibe zu rücken.





Wer immer noch nicht gecheckt hat, dass die Anhänger von Hochfinanz-Verschwörungstheorien 1) saudumm und gaga und 2) massiv antisemitisch, deokratiefeindlich und rechtsextrem angehaucht sind, der will es wohl einfach nicht besser wissen.
Von: lalibertine am 21, April 2009
um 8:46
Eine von Serdar Günes auf diesen Text verfasste Replik hat dieser kurz darauf wieder von seinem Blog entfernt. Google hat sie allerdings noch, weshalb sie hier dokumentiert sei. Bemerkenswert ist neben der Rage des Ertappten auch die Rede vom „Judenknacks“, mit welcher er historisches Bewusstsein offenbart.
In Günes’ eigenen Worten:
Ein Leben nach dem Prinzip
Über die Gefahren von New Age Bewegungen wird ja gerne gesprochen. An einem Beispiel kann man das deutlich erleben. Die Charaktermaske Gegenkritik, man kann auch ein X anstelle des Namen setzen, weil austauschbar, demonstriert die traurige Dramatik der Israelsolidarität. Verkommen zur Pseudoreligion. Erschreckend mit welcher Verve der Israel- oder Judenknacks ausgelebt wird. Ja da kommt Alkohol an die Grenzen seiner Möglichkeit. Ich stelle mir das bildlich so vor, da ist ein Jugendlicher auf der Suche nach Dingen, die seinem Leben einen Sinn geben. Umweltschutz, Hunger usw. alle viel zu banal. Israelsolidarität bietet sich gut an, so kommt man in den Genuß auch mal zum Kreis einer imaginären Opergruppe zu gehören. “Juden” kommen nur im Kollektiv vor und man weiß immer, warum angeblich alle Welt gegen Israel und Juden ist. So verleiht man sich den Schein von praktischem Eingemischt-Sein. Bei so Gestalten wie Gegenkritik sieht man das schon ganz plastisch. Dabei gilt als Maxime, so oft wie es nur geht in kürzester Zeit “Israel”, “Juden” usw. im Text unterzubringen. Eine hohe Frequentierung von “Antisemitismus” und die übliche Moslemfresserei. Es ist ja nicht so das sie Ahnung vom Islam oder Muslimen hätten, in etwa dem gleichen Wissenstand von Nazis über das Judentum. Auch über letzteres haben Gegenkritiks&Co keine Ahnung. Was man gerade noch schafft, wenn man was zum Islam in Deutschland sagen möchte, da lässt sich der Name einer Organisation wie Hamas gut benutzen. Man will ja unbedingt mitreden, hauptsache irgendwas gesagt haben. Aber was solls: Haste einen Moslem gesehen, haste alle gesehen. Wobei Deutsche in der Regel natürlich lieber hinter Pseudonymen verbalradikal, in verschwurbelter Israelrethorik gerne Maximalforderungen aufstellen und sich versuchen in Superlativen zu toppen, aber auf der Straße das einem nicht ins Gesicht sagen würden.
Welch große Vokabeln und Imperative aufgestellt werden, die “Bombadierung von islamischen Zentren” oder die Zerstörung von “lebensunwerten Kulturen” (Bahamas). Wir lernen: Deutsche machen die Drecksarbeit natürlich nicht selber, keiner meldet sich von den an der Front um einen Pali abzuknallen, da soll Israel lieber das eigene Menschenmaterial verheizen. Ach ja alle von denen haben Zivilsdienst gemacht, aber haben große Klappe, wenn es darum geht Kriegstaktiken zu fordern. Wahrscheinlich würden die sich ins Bein schießen, wenn sie ne Uzi in der Hand hätte. Nun gut, vielleicht verirrt sich mal eine Kassamrakete und trifft einen von denen, dann könnte ich behaupten, sie waren konsequent und kommen jetzt ins Anti-Antisemiten Paradies, wie es sich für anständige Doitsche gehört.
Von: gegenkritik am 22, April 2009
um 2:26
Es zeigt sich einmal wieder, dass in Deutschland die Klammer für Rechts, Links, und das, was sich die „Mitte“, und daher etwas Besseres, dünkt, Antisemitismus ist. Ist es nicht zum Abrollen, wie schnell diese supercoolen „Liberalen“ ihre Contenance verlieren und den Kritiker bestätigen, sobald jemand ihnen sagt, was sie sind?
Von: The Editrix am 26, April 2009
um 11:05
Off topic: Da ich nicht weiß, wie ich dich erreichen kann, schicke ich dir das Link zu meinem neuesten Blogeintrag auf diesem Weg. Du kommst auch darin vor.
Ich zähle mich nicht zu den „Antideutschen“ (es sei denn, es gäbe antideutsche Paleocons oder Traditionalisten), ich denke aber trotzdem, dass du das mit Interesse, wenn auch nicht mit voller Zustimmung, lesen wirst.
Da ich nicht weiß, ob HTML hier funzt, hier also das nackte Link:
http://editrixblog.blogspot.com/2009/04/innocents-abroad-or-fools-paradise.html
Von: The Editrix am 26, April 2009
um 4:56
Bzgl. Kontakt: bei Bedarf ist rechts irgendwo eine email-Adresse angegeben.
Zu deinem Beitrag: ich glaube, Charles Johnson lag mit seiner Einschätzung PIs schon ganz richtig. Problematisch mag sein, daß man „drüben“ die Wichtigkeit von PI, pro-Köln und dergleichen zu überschätzen neigt. So übel pro-Köln auch ist, es bleibt ein winziger rechtsextremistischer Zirkel, wohingegen die ekelhafte Volksfront allein in Köln in die zehntausende ging.
Von: gegenkritik am 26, April 2009
um 5:23